Praktische Umsetzung des Projektes

Oberhausener Schüler beteiligen sich an einem neuen Praktikumsmodell

Hier gibt es wirklich viel zu lernen.

Der Beginn des Schuljahres 2007/ 2008 war gleichzeitig der Startschuss für unser neues Stiftungsprojekt: Rund 40 ausgewählte Jungen und Mädchen tauschen an einem Wochentag das Klassenzimmer mit einem Betrieb. Das ist nun für sie ein besonderer Lernort an diesem Tag, dem PraxisLerntag.

Damit die Praktikanten keinen Fachunterricht versäumen, wurde der Tag in den Schulen so organisiert, dass alle anderen Schüler ihrer Klassen in unterschiedlichsten Wahlpflichtgruppen lernen. Die Schüler der beiden Ganztagshauptschulen, Albert-Schweitzer-Schule und Hauptschule Alstaden sowie der Förderschule (Fachrichtung Lernen) Christian-Morgenstern-Schule besuchen zum größten Teil die Abgangsklassen und bereiten sich auf den Übergang in Ausbildung oder Arbeit vor. Sie haben schon Blockpraktika und Besuche bei der Berufsberatung hinter sich und ließen durch Kompetenzchecks ihre Stärken und Schwächen analysieren. Dadurch haben die meisten auch eine ziemlich genaue Vorstellung von ihrem „Startberuf“ – den heute viele den ersten Ausbildungsberuf nennen.

Praktika sind an allen Oberhausener Schulen fester Bestandteil der Berufsorientierung. Was ist also das Besondere am PraxisLerntag? Die Schüler bringen es selbst auf den Punkt: „Ich möchte mich hier im Betrieb richtig bekannt machen und über einen längeren Zeitraum beweisen, dass ich geeignet bin und gut ins Team passe.“ Nicole aus der Hauptschule Alstaden hat sich schon nach wenigen Wochen in „ihrem“ Betrieb, bei Sinn-Leffers um einen Ausbildungsplatz beworben.

Aber der PraxisLerntag hat noch einen anderen Akzent: Die Jugendlichen gehen nicht nur mittwochs oder donnerstags in ihr Praktikum, sondern sie arbeiten zusätzlich an einem Nachmittag mit ihren betreuenden Lehrern die Erfahrungen aus dem Betrieb auf. Nach den ersten Wochen haben sie mit ihren Betreuern und den Lehrern erste „betriebliche Lernaufgaben“ abgesprochen, die sie nun in der Schule ausarbeiten. Im 2. Schulhalbjahr werden die Jungen und Mädchen dann über diese Themen vor Eltern oder anderen Schülern medienunterstützte Vorträge halten.

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Die Stiftung Kultur und Bildung hat diesen vertiefenden qualitativen Aspekt der Betriebs- und Berufserkundung besonders betont und gefördert. Die teilnehmenden Schulen wurden für die Aufgaben mit moderner Technik ausgestattet. Die Stadt Oberhausen, die das Projekt ebenfalls unterstützt, hat Räumlichkeiten, Telefon- und Internetanschlüsse zur Verfügung gestellt, so sind Büros entstanden, die von der Atmosphäre eher an einen Betrieb als an ein Klassenzimmer erinnern. Die muntere Teamarbeit, bei der auch schon mal ein Kaffee getrunken wird, erklärt dann auch, warum die jungen Leute hier Überstunden leisten, während ihre Klassenkameraden längst frei haben.

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Nicole Lechtenberg findet am PraxisLerntag interessant, dass sie über den längeren Zeitraum bei Sinn-Leffers ganz unterschiedliche Kollektionen erlebt und würde gerne mehr über die Auswahl der neuen Mode erfahren und in einem Vortrag dieses Hintergrundwissen weitergeben.

tl_files/stiftung_ob/images/pro5.jpgIsa Celik, der bei Bedachung Ahrens Spaß an der körperlichen Tätigkeit findet, kann sich vorstellen, die Technik des Verschweißens von Teerbahnen auf Flachdächern genau zu beschreiben und das mit dem Einsatz von Fotos oder einem kleinen Videofilm auch interessant vorzutragen. In den nächsten Wochen wird er wie die anderen Jugendlichen in den drei Schulen die Technik der Power Point Präsentation kennenlernen, damit der Vortrag wirklich lebendig wird.

 

 

tl_files/stiftung_ob/images/pro2.jpgFür die Schüler der Christian-Morgenstern-Schule steht der Übergang in eine Ausbildung nicht an erster Stelle, die meisten besuchen Förderlehrgänge, um ihre Chance auf eine Ausbildungsstelle oder einen Arbeitsplatz zu erhöhen. Aber die Arbeit in ihrem schön eingerichteten Job-Büro, die Arbeit am PraxisLerntag im Betrieb und der Zuspruch ihrer Praktikumsbetreuer motiviert sie, sich anzustrengen, doch einen Schulabschluss zu erreichen, der zuvor in weiter Ferne schien.

Die betreuenden Lehrer tauschen regelmäßig ihre Erfahrungen aus und sind sich in der positiven Einschätzung einig: Der PraxisLerntag ist eine sinnvolle Ergänzung der Blockpraktika und der anderen Elemente der Berufsorientierung. Richtig begleitet hilft er, Jugendliche für gute Schulabschlüsse zu motivieren, Betrieben und Schulabgängern die Entscheidung für ein Ausbildungsverhältnis zu erleichtern und so Ausbildungsabbrüche zu vermeiden.


Bewerbung um eine Ausbildung – Kennenlernen ist dabei ein großer Vorteil

tl_files/stiftung_ob/images/pro_bewerbung.jpgLudger Scheuer ist Inhaber eines Betriebes für Installationstechnik in Oberhausen. Der Handwerksmeister hat in den letzten Jahren durch den starken Rückgang der Bautätigkeiten nicht immer einfache Zeiten erlebt, dennoch hat er regelmäßig ausgebildet. Bei den 13 jungen Männern, die das Installationshandwerk lernen wollten, gab es jedoch oft Probleme und nicht jeder hat die Ausbildung zu Ende geführt. „Ich hatte oft Jugendliche, die nicht direkt von der Schule kamen, sondern ein oder zwei Jahre etwas versucht und dann abgebrochen hatten. Häufig zeigte sich am Ende des 2. Lehrjahres, dass sie in der Berufsschule nicht mitkamen oder dass die Motivation nicht ausreichte.“
Diese Ausbildungsabbrüche sind für den Handwerksmeister sehr frustrierend. Eine bessere Einschätzung der Bewerber wäre für ihn ein großer Vorteil. Ein neues Praktikumsmodell kann ihm hier entgegen kommen. Sascha aus der 10. Klasse der Hauptschule Alstaden hat bei Ludger Scheuer wie viele sein dreiwöchiges Blockpraktikum absolviert, aber darüber hinaus kommt er jeden Donnerstag in den Installationsbetrieb. Der Schüler lernt so immer wieder neue Facetten des Beufsbildes kennen, und der Handwerksmeister hat die Möglichkeit, über ein Jahr einen Jungen zu beurteilen, der sich um eine Ausbildung bewirbt. Nicht nur die banale Pünktlichkeit, sondern vor allem die Motivation und auch schulische Voraussetzungen wie Mathematik- und Physikkenntnisse, die immer wichtiger werden, können so besser eingeschätzt werden. Nach einem halben Jahr sieht Ludger Scheuer den ersten guten Eindruck weiter bestätigt und Sascha bewirbt sich um einen Ausbildungsplatz.


Praxistage für 10A-Klassen und Förderschüler bewährten sich – in mehrfacher Hinsicht!

Nach Abschluss des ersten Projektjahres können wir dies mit Fug und Recht behaupten, denn:

28% der am Projekt beteiligten 10A-Hauptschüler erhielten bis jetzt einen Ausbildungsplatz. Und dass, obwohl 10A-Hauptschüler üblicherweise kaum mehr Chancen auf eine Ausbildungsstelle haben. Der überdurchschnittlich hohe Anteil der jungen Migrantinnen und Migranten in den 10A-Klassen macht die Thematik zusätzlich schwierig.

Um so erfreulicher wiegt die Tatsache, dass nicht nur die vermittelten Jugendlichen von den Praxistagen profitierten. Diejenigen, die – leider – keinen Ausbildungsplatz bekommen haben, nutzten den Praxistag, um ihre Vorstellungen vom Berufsleben zu korrigieren und haben gelernt, ihren Traumberuf realistischer zu sehen. Sie haben erfahren, wie unerlässlich wichtig fachliche, persönliche und soziale Kompetenzen sind, wie z.B. Leistungsbereitschaft, Zuverlässigkeit und Ausdauer sowie Kooperationsbereitschaft, Teamgeist und das Beachten von Regeln im Umgang mit Kunden und Kollegen.

So löste der Praxistag bei den Schülern auch so manchen Motivationsschub aus:

  • Die Leistungsbereitschaft in der Schule hat zugenommen, da fachliche Kompetenzen z.B. in Deutsch und Mathematik unerlässlich sind.

  • Das Interesse an einem guten Abschlusszeugnis ist gestiegen.

  • Die Berufswahl fällt vielen Schülern schließlich leichter.

Alle Schüler, die keine Ausbildungsstelle gefunden haben, konnten in sinnvolle Anschlussmaßnahmen wie z.B. Berufsgrundschul- oder Werkstattjahr wechseln.

Unterm Strich bleibt festzuhalten:
Dieses Projekt, das auf Initiative und durch dauerhafte Unterstützung der „Stiftung Kultur und Bildung“ entstanden ist und durch äußerst engagierte Lehrer unterstützt wurde, hat sein Ziel – Stand heute – ganz und gar erreicht. Mittlerweile befindet sich das Projekt schon in der 2. Runde.